Freitag, 16. Oktober 2015

Der Einzug



Am Mittwoch, den 14.10. spät nachmittags, war es endlich soweit: Nachdem die Kaution und die erste Miete bezahlt war, wurde mir per E-Mail der Code mitgeteilt, mit dem ich ein am massiven Gitterzaun hängendes Schloss neben dem Apartmenthaus, öffnen konnte, in einem kleinen Kästchen des Schlosses befand sich ein Schlüsselanhänger, der die Haustür öffnet, den Fahrstuhl aktiviert sowie ein Briefkastenschlüssel, der nach Verwendung weitere Zugangsmechanismen für den Bewohner bereit hält, wie z.B. die Scheckkarte für die Einfahrt in die Tiefgarage. Für alle, die es interessiert oder mich mal besuchen möchten: ich wohne jetzt im Kales Building. Für weitere Informationen zum Gebäude verweise ich gerne auf http://kalesbuildingdetroit.com/.
Mein kleines (Einraum)- Apartment nimmt eine Flächenausdehnung von 584 Quadratfuß ein, also etwa 54 Quadratmeter. Dabei wurde gewiss die begehbare Kleiderkammer, die in Relation zum Rest der Unterkunft eigentlich viel zu groß ausfällt, wohl zu 100% als Wohnraum berücksichtigt. Auf dem Boden ist Eichenparkett im Würfelverband verlegt, die Decken sind 4,20 m hoch abgehangen.
Was mir sehr gut gefällt sind die vier großen Fenster zur Südseite, deren Bauart und Rahmen sicherlich aus Gründen des Denkmalschutzes erhalten wurden, die jedoch glücklicherweise heute mit Doppelverglasung versehen sind. Die Fenster sind horizontal in der Hälfte unterteilt, der untere Teil lässt sich über zwei, am unteren horizontalen Rahmen angebrachte Bügel mit beiden Händen fassen und nach oben schieben. Ein Kettenzug mit ratternden Geräuschen bei Bewegung, reduziert den notwendigen Kraftaufwand. Möchte man das Fenster schließen, zieht man den unteren Teil des FEnsters einfach wieder runter. Diese ästhetisch von mir geschätzte Bauweise hat einen Vor- und Nachteil. Der große Vorteil ist, dass man sich keine Sorgen machen muss über Schimmelbildung im Apartment. Die Fensterrahmen sind durch den jahrelangen Einfluss von Kälte und Wärme teilweise verzogen und schließen dadurch nicht mehr ordentlich ab. So habe ich einen super Luftaustausch, was morgens früh jetzt schon recht kalt sein kann. Ein Arbeitskollege hat mir den wertvollen, amerikanischen Tipp gegeben: lass doch die ganze Zeit die Heizung laufen. Dafür bin ich allerdings noch zu deutsch. Auf dem Rückweg von der Arbeit habe ich stattdessen das nächst gelegene Home-Depot, eine hierzulande bekannte Baumarktkette, angesteuert und 3m Fensterdichtung für 3,75$ erstanden, die ich dem einen Fenster im Schlafzimmer heute spendiert habe.
Was ich zu Hause in Deutschland auch haben möchte ist der „garbage disposer“, der auch hier in meinem Apartment vom Marktführer „insink-erator“ verbaut ist. Es handelt sich dabei um eine Art Mini-Häcksler, der unmittelbar unter dem Abfluss der Küchenspüle sitzt. Kommen mal etwas gröbere Essensreste in den Abfluss, lässt man etwas Wasser laufen und betätigt einen Schalter. Bei der Erstbedienung, ohne dass man weiß, wofür der Schalter ist, erschreckt man sich ein wenig. Super: man muss nie mehr mit den Fingern den Abfluss der Küchenspüle reinigen. Ich muss an Weihnachten zu Hause mal Maß nehmen, ob das nicht ein schönes Mitbringsel aus den USA wird.
Was ich hingegen sehr gewöhnungsbedürftig finde, ist die Bedienung der Duscharmatur. Was ich in den ersten anderthalb Wochen in drei verschiedenen Hotels vorgefunden habe, ist jetzt auch in meinem Apartment vorhanden. Die Regelung, dass Wasser aufgedreht wird, läuft über eine Welle mit der Temperaturregelung bzw. ist dieser vorgeschaltet. D.h. bevor man zum Einstellen der Wassertemperatur gelangt,  – klassisch, von kalt nach warm – muss die volle Wasserstärke aufgedreht werden. Über einen separaten Mechanismus lässt sich dann regeln, ob das Wasser aus dem Hahn der Badewanne, dem Duschschlauch oder dem festinstallierten Duschkopf kommen soll. Dass der ein oder andere nicht immer die volle Wasserkraft aufgedreht haben möchte, bevor er die Temperatur einstellt, geschweige denn, dass es gewiss auch ökologisch sinnvoll ist, mit weniger Wasser zu duschen als mit voller Wasserkraft, scheint hier fremd zu sein.
Gestern Abend wurde ich noch zu Beethovens 7. Sinfonie eingeladen, vorgetragen vom Detroit Symphonie Orchester. In einer Stadt mit über 80% Bewohnern afroamerikanischer Herkunft ist es irgendwie auch befremdlich im Konzertsaal zu sitzen, in dem sich knapp 98% der Zuhörer mit heller Hautfarbe befinden. Auch die vielen Mitbürger, die schon aus weiter Ferne dafür sorgen, dass man sich an den Ausdruck „Adipositas“ erinnert, fehlen hier. Befremdlich ist allerdings, dass alle Getränke – die in vielen Variationen mit Alkoholanteil feilgeboten werden –  in der zu kurzen Pause von 15 Minuten in Plastikgebinden ausgegeben werden und es auch üblich scheint, diese dann im zweiten Teil des musikalischen Vortrags zu genießen.    

Dienstag, 13. Oktober 2015

Frühstück bei Comfort Suites



Gestern war Montag, die neue Woche hat begonnen, auf geht’s wieder zur Suche nach einer temporären Bleibe für den Rest des Aufenthalts.
Das Wochenende in Downtown Detroit (zu Fuß) hat bei mir zu einer wichtigen Erkenntnis geführt: Hier möchte ich bis zum Ende des Aufenthalts wohnen. Idealerweise in einem der Hochhäuser, die Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut wurden und die damals zeitprägenden Art Deco Stilemente noch heute tragen. Temporär ohne Familie ist das genau das richtige für mich. So stelle ich mir Amerika vor. Mit Familie wäre ich gewiss auch in eine der hübschen Vorstädte gezogen, wobei die attraktiven Örtchen für mich wieder deutliche europäische Prägung aufweisen, wie beispielsweise Bürgersteige und Geschäfte des Facheinzelhandels, an deren Schaufenstern man vorbeischlendern kann.
Nach mehreren Telefonaten zu Ansprechpartnern, die im Internet genannt werden, in der digitalen Welt mit möblierten Apartments werben, wo sich aber während des Telefonats schnell herausstellt, dass es soetwas dort nicht gibt, bin ich endlich auf einen Anbieter gestoßen, der in der Tat mir – angeblich -  mehrere Apartments anbieten kann. Wir haben dann im Anschluss an des Telefonat im E-Mailverkehr einen Besichtigungstermin am Dienstag vereinbart. Da ich mehrmals darauf hingewiesen habe, kurzfristig ein Apartment beziehen zu wollen, hat er mir schon vorab das Application-Formular für ihn zu gestellt als auch ein Application-Formular für das Gebäudemangement. Neben meinen ganzen persönlichen Angaben zu Gehalt, Sozialversicherungsnummer, Name des Vorgesetzten, Führerscheinnummer, KFZ-Kennzeichen etc. musste ich für das Gebäudemanagement ein Schreiben unterzeichnen, mit dem ich mein Einverständnis erkläre, dass das Federal Bureau of Investigation, die Michigan State Police und/oder andere staatlich oder lokale Vollzugsbehörden oder weitere Servicegesellschaften alle von mir bekannt gegebenen Informationen und Daten überprüfen dürfen. Das Federal Bureau of Investigations ist hierzulande mehr über seine Abkürzung bekannt: FBI.
Die Bilder im Internet waren zu verklockend: natürlich dürfen mich alle überprüfen, die wollen oder nichts besseres zu tun haben.
Dann war auf einmal wieder 18:00 Abends und ich hatte noch keine Bleibe für diese Nacht. Leider sind mir dann zwei Fehler unterlaufen. Der erste war, dass ich keinen der noch anwesenden Kollegen gefragt habe, wo man denn in Southfield einigermaßen kommod übernachen kann, zu angemessenen Preisen. Stattdessen habe ich bei Hotels.com geschaut, welches Hotel in Southfield gerade reduziert ist und gute User-Bewertungen erhalten hat. Der zweite Fehler war, das ich direkt für zwei Nächte das Hotel gebucht habe.
In so einer Kaschemme habe ich selten genächtigt. Angeblich ist das hier ein Nichtraucherhotel, in meinem Zimmer wurde mit Sicherheit jahrzehntelang Kette geraucht. Als ich das Zimmer betreten habe, sind meine Kautschuksohlen der Schuhe auf den Fliesen im kleinen Eingangsbereich kleben geblieben und machen jetzt mit jedem Schritt ein Geräusch, als würde man ruckartig Klebeband vom Boden abziehen. Auf dem kleinen Tischchen lag ein Schreibblock, auf den ich etwas notieren wollte, aber auch der klebte, aus welchen Gründen auch immer, am Tisch fest.
Die günstige Hotelrate von nur 90$ pro Nacht inkludiert ein Frühstück. Bisher hatte ich noch kein einziges Mal Frühstück im Hotelpreis enthalten und habe das Frühstück immer separat eingenommen. Ich fand leere Tische und ein Buffet vor. Teller und Becher waren aus Styropor, Besteck aus Plastik. A Jedes Lebensmittel sperat in Plastik verpackt, auch die Bananen und Äpfel sind einzeln mit Klarsichtfolie umwickelt – wozu auch immer?!  Die Frage, ob das Rührei aus echten Eiern oder Eipulver heregstellt wurde, erübrigt sich hier. Um irgendetwas doch zu Essen, entschied ich mich für diese runden zusammengedrücken Brötchen, die noch in den Toaster gehören – bei uns auch unter dem Produktnamen Toasties bekannt. Nach dem der Toaster seinen Röstvorgang abgeschlossen hatte, ist mir leider erst eingefallen, dass die besagten Toasties nicht der Normgröße von Toastscheiben und der darauf abgestimmten Toaster-Schacht-Tiefe entsprechen. Also musste ich mit meinem Plastikbesteck die frisch gerösteten Scheiben aus dem fast noch glühenden Toaster heraushebeln.
Ich verstehe nicht, dass ich hier einem Land bin, dass im Einzelhandel und Service für den eigentlichen Zweck viel zu viel überflüssiges Personal beschäftigt. Aber in Schnellrestaurants oder bei Restaurant-Frühstücksbuffets kommt keiner auf die Idee, jemanden zu beschäftigen, der Porzellangeschirr vom Tisch – oder von mir aus auch vom Geschirrwagen – abräumt und in die Spülmaschine ein- und ausräumt. Ökologische Bewusstsein, geschweige denn Mülltrennung wird hier – außer in einem Bioladen, den ich besucht habe – kollektiv negiert. Kaffee aus Styroporbechern ist ekelhaft, aber auch aus den Pappbechern, die hier jeder mit sich herumträgt und die aus Läden stammen, die mit massiven Schildern werben „We proudly serve Starbucks“, empfinde ich als Geschmaksverirrung. In Detroit Downtown habe ich leider alternativlos zum Frühstück einmal einen Cappuciono Grande von Starbucks bestellen müssen. Wahrscheinlich haben sich dann die anderen Gäste vor mir geekelt, als ich als erstes den Plastikdeckel mit Schnabelhalsöffnung entfernt habe – die Dinger kenne ich noch gut aus meiner Zeit als Zivi im Krankenhaus und weiss auch für welche Patientengruppe diese Trinkhilfe vorgesehen ist – und mit einem Löffel den an Bauschaum erinnernden und viel zu festen Michschaum aus meinem Pappbecher in den nächsten Mülleimer geschaufelt habe.

P.S. Gestern abend wollte ich mir eigentlich ein Geburtstagsgeschenk machen und eine Konzertkarte für Samstag, den 17.10. im Joe Louis Stadium kaufen: "The Who" 50th birthday. Leider musste die Tournee kurzfristig verschoben werden, da Roger Daltery an viraler Meningitis erkankt ist. Auftakt der Tournee wird Detroit Ende Februar 2016 werden. Wünschen wir ihm alles Gute! 
Von Tatendrang verfolgt habe ich dafür heute eine Karte erstanden für "Dead and Company" in Columbus, Ohio am 13.11.! Bill Kreutzmann, Mickie Hart, Bob Weir, begleitet von Oteil Burbridge (Allmann Brohters Band) und John Mayer. Ich freue mich schon auf die Veranstaltung und die noch lebenden Deadheads!

Sonntag, 11. Oktober 2015

Detroit zu Fuß



Nachdem die Apartmentsuche noch nicht beendet wurde, entschied ich mich, von Freitag bis Montag früh in ein Hotel in Detroit Downtown zu ziehen, um am Wochenende die Stadt zu erkunden.
Detroit ist mit fast 700.000 Einwohnern die größte Stadt Michigans und neben Toronto und Chicago eins der drei wirtschaftlichen und kulturellen Zentren der Region der Großen Seen. Als ich diesen Entschluss Freitagnachmittag einer Arbeitskollegin mitgeteilt habe, war ihre rhetorische Frage nur: You have a car? Ja, klar, habe ich - und für die Apartmentsuche auch schon dreiviertel des Tanks leer gefahren. Deshalb meine Überlegung: Detroit zu Fuß kennenzulernen. Bewegung ist in der ersten Woche USA sowieso viel zu kurz gekommen.
Einchecken im Hotel: 19:00 Uhr, der Magen meldet sich und würde sich über baldige Nahrungsaufnahme freuen. Das Hotel liegt mitten in Downtown, umgeben von Wolkenkratzern die Banken oder Telefongesellschaften beheimaten. Hier kann ich doch sicherlich einfach vor die Tür gehen und werde unmittelbar einen Imbiss oder Restaurant finden. Gesagt, getan – aber was ist hier los. Die Bürgersteige vor den Hochhäusern sind leer, fast leer. Die Büros weitestgehend dunkel. Hey, ihr Banker, wo seid ihr, ich denke, ihr arbeitet hier so hart und lang und verdient gutes Geld, ihr habt doch noch Einiges aufzuarbeiten nach der Finanzkrise?
Kurz nach Sieben ist es hier vollständig Dunkel. Der erste Fußgänger, der mir begegnet ist ein Einwohner afroamerikanischer Abstammung (über 80% der Einwohner Detroits sind afroamerikanischer Abstammung laut Wikipedia), der laut mit sich selbst spricht, bzw. vor sich hin schreit, für den Straßen und Bordsteine dasselbe sind und der überhaupt keine Rücksicht auf den Straßenverkehr nimmt. Der nächste Zeitgenosse ist diesmal ein Weißer, mit deutlich abgenutzter Kleidung, komplett tätowiertem Gesicht, der einen nach dem anderen Mülleimer öffnet und vermutlich nach Pfand oder nach Gebrauchswerten durchsucht. Ganz wohl fühle ich mich nicht, gleichwohl ich mir bewusst bin, dass ich aufgrund von Statur und Verhalten  nicht ein Opfer einfachster Kategorie darstelle. Trotzdem, kurz aufs Smartphone geschaut, wo sich die nächsten Restaurants befinden: Greektown, in 10 Minuten bin ich da. Einmal die Hauptstraße des Viertels vor und zurück und entschieden, es gibt Burger mit Pommes und zwar bei den „Five Guys“. Innen im Laden ist Industrieromantik angesagt, Kisten mit Lebensmitteln für Zubereitung, z.B. Ketch-up, Erdnussöl, Kartoffelsäcke sind einfach zwischen den Tischen gestapelt. Rings herum hängen Zitate von überregionalen Zeitungen und Zeitschriften, die die Qualität der Five Guys-Burger lobt. Und in der Tat: die Qualität ist super, selbst die Pommes, in Erdnussöl ausgebraten, schmecken noch richtig nach Erde. Dazu läuft guter alter Rock`n Roll: Led Zepplin, The Who, Janis Joplin etc.
Samstag, der Tag beginnt wolkenlos. Bis auf einen Kaffee, verzichte ich auf Frühstück. Ab ins Parkhaus, die Laufschuhe angezogen und los geht’s. Ich alleine zu Fuß in Detroit? Nein mit dem iPhone, einem wichtigen Begleiter, wie ich in dieser Woche gelernt habe, aber das ist einen eigenen Post wert.
Zuerst noch zum nächsten AT&T Shop, um zu klären, warum ich seit zwei Tagen nicht mehr ein deutsches Mobiltelefon anrufen kann, obwohl ich von dem extra gebuchten 10$ Dollar-Paket, dass mir 1.000 Minuten internationale Gespräche gewährt, erst 18 verbraucht habe? Als einziger Kunde am Samstagmorgen begrüßen mich die beiden Fachkräfte freundlich und stellen sich mir mit Handschlag und Vornamen vor. Wenn ich aus meinem Hotelzimmer in der 18. Etage schaue, sehe ich direkt vor mir das nächste Hochhaus, an dem ein AT&T Logo hängt und auch nachts leuchtet. Ich bin jetzt im fußläufig nächsten Retailer-Store. Hier wird mir sicher schnell geholfen. Mein Problem geschildert und auf die grafische Bilanz in meinem Online-Account gezeigt, dass ich dieses Paket gebucht habe, erst 18 Minuten in Anspruch genommen habe und demonstriere einen Anruf bei meiner Frau. Es ertönt die Hotline, dass ich kein Guthaben mehr besitze. Die beiden Fachkräfte sind genauso ratlos wie ich und empfehlen mir die Servicehotline anzurufen. Ich bitte Sie, auch weil ich der einzige Kunde bin, ob wir das nicht direkt vor Ort machen können. Wir rufen die Hotline an, schildern das Problem, mein Account wird von vorne bis hinten geprüft und schon nach 10 Minuten steht fest, dass das internationale Paket nur für Festnetz-Telefonie und nicht für Mobiltelefonie zur Verfügung steht. Also, lade ich noch 10$ auf meinen Account für internationale Mobiltelefonie, für Notfälle, denn 50ct pro Minute summieren sich schnell und dann ärgere ich mich über mich selbst, dass ich das nicht selber rausgefunden habe. Ob diese Aufgabenstellung von beiden Fachkräften im AT&T Store hätte gelöst werden können, mmh, was verkaufen die nochmal, Kommunikationsmittel und Verträge… lassen wir das.
Anschließend nehme ich Kurs auf das Detroit Institut of Art. Dort drin verbringe ich über zwei Stunden und genieße regelrecht die ästhetische Bildung, die mir dort zugutekommt. Zu lange war ich nicht mehr in Museen. Schwerpunkt sind unter anderem die Holländer in ihrer Blütezeit der Malerei, also 17. Jahrhundert, Rembrandt und Konsorten. Wahnsinn, mit welchen Details, Linienführung, Perspektive und vor allem auch Licht gearbeitet wurde. Für alle diejenigen, die sich mit Fotografie beschäftigen, sind das die wirklichen Lehrmeister alter Schule. 18., 19.Jahrhunder über Dada, Pop-Art bis zur Gegewartskunst sind wirklich große Namen und eindrucksvolle Werke vertreten. 12,5 $ für Bildung waren gut angelegt.
Das nächste Ziel, das ich anstrebe ist das Motwon-Museum – laut Google-Maps nur 1,6 Milen entfernt. Auf geht’s. Google-Maps sucht natürlich den kürzesten Weg für Fußgänger, dafür bin ich dankbar. Andererseits sollte man für amerikanische Großstädte und sicherlich auch auf anderen Kontinenten mal überlegen, ob man für Fußgänger nicht auch noch die Option auswählen kann, auf sozial-konfliktuäre Straßenzüge (oder wie man das auch immer politisch korrekt ausdrücken möchte) zu vermeiden. Auf meinen Fußwegen bin ich wieder ziemlich allein, vorbei an runtergekommenen und verlassenen Häusern. Die meisten, vereinzelten Zeitgenossen, die mir begegnen, tragen ihr vollständiges Hab und Gut mit sich herum und sprechen mich auch an, wovon ich allerdings kaum ein Wort verstehe. Wenn ich nicht reagiere, werde ich dankenswerter Weise in Ruhe gelassen. Eine andere interessante Spezies sind ältere Herrschaften, auch in abgenutzter Kleidung, in elektrischen Rollstühlen, die auf den Bürgersteigen unterwegs sind.
Am Motown Museum angekommen, finde ich viele Pärchen, dich sich gegenseitig vor dem Motown Schild und Rasen fotografieren. Auch ich übernehme die Rolle des Fotografen für ein Pärchen, vermutlich in den 60er Jahren. Ich strebe zum Eingang, doch dort hängt ein Schild „Sold out – please visit us another day“. Auch das gibt es in Museen. Schade, also Google, wie ist der kürzeste Weg zum Hotel.
Die iPhone-health-App hat für diesen Tag 23,59 km angezeigt. Ob das richtig berechnet wurde, habe ich heute Morgen getestet, in dem ich nach dem Frühstück bei strahlendem Sonnenschein die Laufklamotten angezogen habe und an der Riverfront Detroit eine Stunde gelaufen bin, das waren 10,2 km. Passt also einigermaßen.
Zum Abendessen bin ich wieder im "Five Guys" eingekehrt. Die Burgerbestellung an der Kasse habe ich ergänzt umneinem Wunsch nach einem Plastikbecher befüllt mit Stella Artois. Darauf kam die Rückfrage: For the beer, can I see you ID please? Hey, nächste Woche werde ich 41! Aber klar, es lag an meinem Rucksack. Kein Erwachsener hat in Städten einen Rucksack auf dem Rücken. Wozu auch? Er kann doch seine Sachen im Auto lassen, das vor der Tür parkt...

Samstag, 10. Oktober 2015

Kurzfristig beziehbare Apartments zu finden ist nicht trivial!



Heute läuft mein sechster Tag in den USA ab. Ich bin mit der Erwartung angereist, eine Nacht im Anschluss an die Ankunft im Hotel zu verbringen und dann unmittelbar ein möbliertes Apartment zu beziehen.
Wie zuvor schon beschrieben war das Einschalten eines Maklers nicht zielführend, wenn auch das bilaterale Gespräch im Maklerbüro, bzw. an dessen Besprechungstisch, der problemlos auch für 12 weitere Interessenten gleichzeitig gereicht hätte, temporär ein angenehmes Ambiente darstellte.
Die Internetrecherche und anschließende Besichtigung ließ sich auch nicht als produktiv bezeichnen. Aus diesem Grund habe ich nach der dritten Nacht im Hotel einen neuen Weg der Suche eingeschlagen. Morgens ins Auto gesetzt und zu den unserer Firma nächstliegenden Apartmentkomplexen gefahren, habe mich in den Leasing-Offices nach kurzfristig beziehbaren möblierten Apartments erkundigt. Schon an der zweiten Station bin ich (fast) auf Erfolg gestoßen: Leider sei hier nichts kurzfristig frei, aber ganz in der Nähe gibt es von derselben Gesellschaft eine weitere Anlage. Also hingefahren, und Application-Formulare ausgefüllt, meinen Führerschein kopieren lassen und danach wurde mir dann auch eine Musterwohnung gezeigt. Ist die freie Wohnung sofort beziehbar? Ja, aber es sind noch keine Möbel drin. Diese werden nach vollständigem Vertragsabschluss binnen 40 Stunden eingeräumt. Ok, machen wir! Weitere Application-Formulare ausgefüllt und unterschrieben. Danach wurde mir mitgeteilt, noch die letzten beiden Lohnabrechnungen und eine Bestätigung des Arbeitgebers über das Jahresgehalt benötigt wird. Mmh, in Deutschland würde ich spätestens jetzt den Raum verlassen und auf Nimmerwiedersehen sagen. Als Ausländer habe ich hier natürlich eine andere Toleranzschwelle. Eigentlich müsste, wenn alles gut läuft, ich am nächsten Tag alles zusammen haben. So kam es auch. Um sicherzugehen, dass jetzt auch alles den geregelten Gang geht, bin ich mit den Ausdrucken persönlich im Leasing-Office erschienen. Alles wurde dankend angenommen und dann habe ich noch den Wunsch geäußert, dass bitte der Unternehmensname sowie die Unternehmensadresse in Deutschland auf den monatlichen Abrechnungen erscheinen möge, sodass  mein Unternehmen die Kaltmiete erstatten kann. Nein, das geht nicht!!! Dann muss das Unternehmen Vertragspartner sein und alle Application-Formulare vom Unternehmen ausgefüllt werden. Puhhh, ok, gebt mir alles mit und ich belästige die Buchhaltung in unserer Tochterfirma damit. Das ging alles zügig und wurde dann an die Apartmenthausgesellschaft gefaxt. Es dauert dann noch etwa eine Stunde, bis und mein Mobiltelefon klingelte. Die Leasing-Managerin teilte mir mit, dass die Bonitätsprüfung für unseren global agierenden Konzern leider negativ ausgefallen sei....?!
Hey, wir sind nicht VW, sondern nur ein Zulieferer?! Ab diesem Zeitpunkt habe ich dann doch wieder die Kollegin der Buchhaltung dazugeschaltet. Wir bekamen zwar die Nummer von der Firma, die die Bonitätsprüfung durchführt, hatten aber keine Chance durch die Hotline zu kommen.
Anschließend habe ich mir von Freitagabend bis Montagmorgen für drei Nächte ein Hotel in Detroit Downtown gebucht, von wo aus ich diese Zeilen schreibe.
Ich freue mich jetzt schon darauf, wie diese Odyssee am Montag weiterverläuft. Abgesehen davon, dass seit einer Woche mein Kofferraum - mit den beiden großen Koffern für das halbe Jahr - mein Kleiderschrank ist, und ich dort jeden Abend für die kommende Nacht und den nächsten Morgen nach frischer Wäsche wühle und diese dann mit auf mein Hotelzimmer nehme, aus dem ich jeden Morgen auschecke, in der Hoffnung ein Apartment beziehen zu können, verbuche ich die Suche nach einem kurzfristig beziehbaren Apartment für mich einfach als intensiven Lernprozess.

Donnerstag, 8. Oktober 2015

Ausschnitte aus den ersten drei Tagen



Zu berichten gibt es so viel, dass die Zeit zum Schreiben nicht reicht. Also, los gehts...
Kurz zur Natur: Die letzten drei Tage war ein tolles Wetter, jeweils über 70 Grad Fahrenheit, also etwa 22 Grad Celsius – blauer Himmel und Sonne. Die Bäume tragen noch ihre Blätter von hell Gelb bis Ocker, über alle Grüntöne bis zum dunklen Rot ist alles in intensiver Farbenpracht vorhanden. Ich traue mich kaum meine Sonnenbrille aufzusetzen, die den Farbkontrast noch weiter erhöht. Bevor die Blätter fallen, muss ich unbedingt meine Kamera aus dem Koffer auspacken und versuchen diese Szenen einzufangen. Regionsnamen nach Bäumen, vor allem der Eiche haben definitiv ihre Berechtigung in “Metro Detroit“: Royal Oak, Oakland, Bloomfield Hills etc.

Eindrucksvoll war auch schon das Kapitel „Einzelhandel und Service“, das mich in den ersten drei Tagen intensiv begleitet hat.
05.10.2015, nach knapp 9 Stunden Flug - angenehm von der Lufthansa durchgeführt, trotzdem leider schlaflos - gelandet in Detroit. Dann ab zur Firma und nach der Begrüßung der Kollegen mein Fortbewegungsmittel, ein Ford Edge (3,5l – V6 – 269 PS) übernommen. Als erstes dann zum nächsten  “best-buy“ gefahren, um ein tomtom Navi zu kaufen. Mein Begleiter vor Ort berichtete von einem Angebot, das er dort online gesehen: 5 Zoll Bildschirmdurchmesser hat für ca.80$. Nachdem wir den Laden betreten hatten und vor der tomtom Auslage standen, war ein 4,5 Zoll Bildschirmdurchmesser  tomtom für 89$ vorhanden und ein 5 Zoll für 119$, sowie weitere teurere 5 Zoll Geräte vor Ort. Als wir vor den Geräten standen kam schon nach weniger als einer Minute zielstrebig ein junger Verkäufer im typischen Shop-Outfit auf uns zu und fragte, nach den üblichen Höflichkeitsfloskeln (how are you doing today…oh great…. where are you from…Germany, that’s awesome… ) wie er uns den helfen könne. Auf den Hinweis, dass wir ein tomtom-Navi mit 5 Zoll Bildschirmdurchmesser und möglichst günstig zu kaufen beabsichtigen,  gab er nur noch als Antwort “oh, wait a second” und ging weg. Nachdem mehrere Minuten nichts passierte kam ein weiterer Verkäufer und fragte, nach den üblichen Höflichkeitsfloskeln, wie er helfen könne. Wir erläuterten, dass wir ein tomtom, 5 Zoll und günstig,  kaufen wollten und online ein Angebot für ein solches Gerät gesehen haben. Auf einmal stand ein dritter Beschäftigter neben uns und begrüßte uns freundlich…. Um unsere Aussage auf Wahrheitsgehalt zu überprüfen gingen die zwei zum nächsten Computerterminal und schauten auf der Internet-Seite nach dem besagten Angebot. Nach mehreren Minuten Internet-Recherche kamen Sie die 10 Schritte zurück und erläuterten, dass dieses Angebot nur bei einem Online-Einkauf Gültigkeit besitzt und verwiesen auf das 4,5 Zoll Gerät für 89$. Auf unseren Hinweis, dass der Bildschirm uns zu klein erschien, machten sie uns auf weiteres Gerät, danebenstehend für 169$ aufmerksam, dass einen 5 Zoll Bildschirm hatte und boten uns dieses als günstige Alternative an. Direkt daneben standen die 5 Zoll-Geräte für 119$ auf die wir nun wiederum die Verkäufer aufmerksam machten. Hier konnte uns dann nur freundlich beigepflichtet werden. Also entschieden: ich nehme es. Die beiden Verkäufer begleiten mich zur Kasse. Auf dem Weg dorthin wurde ich gefragt, was sie sonst noch für mich tun können. Ich äußerte den Wunsch eine Sim-Karte für mein Iphone kaufen zu wollen. Vorab im Internet erkundigt, wusste ich, dass AT&T der richtige Anbieter ist mit dem umfangreichsten Netz in den USA, der einzige Anbieter mit der Möglichkeit UMTS für deutsche iphones zu nutzen und der Möglichkeit das Telefon als hotspot für den Rechner zu nutzen. T-Mobile kann das leider nicht bieten. Nachdem mein Wunsch ausgesprochen war, wurde ich zu einem vierten Beschäftigten im Shop-Outfit geführt, der uns freundlich begrüßte und sich erkundigte, ob es uns heute nicht großartig geht. Mein Anliegen habe ich kurz erläutert und er empfahl direkt eine T-Mobile SIM-Karte. Auf meine Frage, welche Tarifoptionen mir T-Mobile liefere, steuerte er zu einem EDV-Terminal und suchte im Internet nach T-Mobile… Ich entgegnete, ich müsse mir das doch nochmal überlegen. Dann ab zur einer der vier freien Kassen, um das tomtom zu bezahlen. Obwohl kein anderer Kunde an den Kassen zu gegen war, erwischten wir leider die einzige, bei der schon seit einiger Zeit das Kartelesegerät defekt ist, was aber erst nach mehreren Versuchen der Fachkraft einfiel.
Der von mir sehr detailliert beschriebene Prozess hat sich in den darauf folgenden Tagen beim Erwerb der SIM-Karte, bei der Wohnungssuche – auch mit Makler – wiederholt.
Am zweiten Tag habe ich als einziger Kunde im lizensierten AT&T-Shop gute 50 Minuten für den Kauf und die Freischaltung der neuen SIM-Karte benötigt, obwohl ich die Tarifoption genau wusste. Trotzdem wurde im Internet mit mehreren Anläufen nachvollzogen, was ich schon wusste. Ein Mitarbeiter stand die ganze Zeit (also bis zu diesem Zeitpunkt gute 45 Minuten) neben uns, um schließlich den Ausdruck des Vertrages aus dem Drucker zu nehmen und an den Verkaufstresen zu tragen.
Am dritten Tag, nach dem mir ein Makler möblierte Wohnungen zwischen 2.800 und 4.000$ angeboten hat, die ich allerdings erst in drei bis vier Wochen beziehen könne, angeboten hat, obwohl ich betonte habe, dass ich eher heute als morgen ein Apartment suche, habe ich mich intensiv selbst um die Recherche gekümmert. Aus der Suchmaschine „Apartment Guide“ also möblierte Angebote der Region rausgesucht und die dazugehörige Nummer angerufen. Bei meinem ersten Anlauf hat das Telefonat mit der freundlichen Dame am anderen Ende der Leitung wohl reale 15 Minuten - und gefühlte 30 Minuten - gedauert. Ich musste dabei meinen Vornamen, meinen Nachnamen, unseren Firmennamen, meine E-Mail-Adresse usw. buchstabieren, erläutern, warum ich überhaupt eine Wohnung suche und was ich so mache. Auf meine Nachfrage, ob ich denn die im Internet gesehenen Apartments in der Anlage auch heute oder morgen verfügbar seien, wurde mir dies bestätigt. Also habe ich für eine Stunde stpäter einen Besichtigungstermin vor Ort vereinbart. Als ich mich dann mit der Floskel „ok, see you in an hour“ verabschiedete, kam die Antwort, dass sie nicht vor Ort sei, aber die Kollegen von ihr vor Ort informiert werden. Als ich dann pünktlich im Office vor Ort war und überaus freundlich begrüßt wurde, erzählen durfte, wo ich her komme (oh, Germany, that`s awesome!) und was ich hier zum Broterwerb mache, kam dann die Ansage, dass ein möbliertes Apartment kein Problem sei und wann ich es denn beziehen möchte. Auf meinen Hinweis, am besten gleich oder morgen, kam dann die freundliche Antwort, dass dies frühesten in 6-8 Wochen möglich sei. Ich verließ also darauf hin dass Office vor Ort und rief per Mobiltelefon den Nächsten an…
Solche Einkaufs- oder Service-/Beratungsvorgänge, die in Deutschland wahrscheinlich keine 5 Minuten gedauert hätten, haben hier ein Vielfaches an Zeit und dazu teilweise noch leider ergebnislos im Nirwana geendet.  Dass Zeit im menschlichen Leben ein begrenztes Gut ist, und der ein oder andere auf absolut überflüssige Redundanzen und Makulaturen bei privaten Einkäufen oder pesonenbezogenen Service-/Beratungsprozessen gerne verzichtet, scheint hier nicht bekannt zu sein. Die Zeit des Kunden wird sehr gerne großzügig in Anspruch genommen, auch ohne dass ein Ergebnis erzielt wird. Die Ineffizienz durch viel zu viel inkompetentes Personal, das sich mit überflüssigen Informationen beschäftigt, lässt sich für mich nur aus arbeitsmarktlicher Perspektive rechtfertigen. Wieviele Arbeitsplätze könnten abgebaut werden und Arbeitslosigkeit generiert werden, wenn Personal im Einzelhandel sowie bei Dienstleistungen kompetent und in unserem Verständnis profitabel handeln würde. Nicht auszudenken, was das für das Sozialsystem der USA bedeuten würde.