Sonntag, 22. November 2015

Stevie Wonder in hometown



“Songs in the key of life“ wurde 1976 vom Motown Label in Detroit veröffentlicht. Weit über 100 Musiker wirkten an dem Album mit, das Stevie Wonder in zweijähriger Arbeit komponierte, arrangierte, mehrere Instrumente spielte und weitestgehend den Lead-Gesang übernahm. Das Album markiert nicht nur im Werk von Stevie Wonder den Höhepunkt seines Schaffens, sondern zählt auch zu den herausragenden Alben der populären Musik des 20. Jahrhundert. Gerade die diversen Musikstile, die von den einzelnen Songs aufgenommen werden, zeigen die Vielseitigkeit und außergewöhnliche Fähigkeiten des Künstlers. Knapp 40 Jahre nach dem Erscheinen des Albums entschied sich Stevie Wonder wieder auf US-Tour zu gehen und „Songs in the key of life“ vorzutragen.  
Gestern Abend, am 21.11.2015, fand die vorletzte Station der Tournee in seiner Heimatstadt Detroit statt, wo er übrigens  bei dem hier ansässigen Motwon-Label seit 1961 unter Vertrag steht.
Beim Einlass in die Joe Louis Arena schienen gestern die Metalldetektoren aktiv geschaltet zu sein. Nachdem ich aufforderungsgemäß nur Telefon und Geldbeutel der behandschuhten Dame neben dem Metalldetekor ausgehändigt habe, durfte ich dann ein zweites Mal durch die Schleuse gehen und jetzt auch Schlüssel und alle anderen metallenen Gegenstände aus meinen Taschen hervorkramen.
Im Vergleich zur Nationwide Arena in Columbus (Ohio) ist die Joe Louis Arena in Detroit schon ganz schön in die Jahre gekommen. Die mit rotem Kunstleder bezogenen Klappsessel haben eine zu kurze Obschenkelauflagefläche und sind im Winkel zwischen Rückenlehne und Sitzfläche zu spitz, um längere Zeit bequem sitzen zu können.  Auch die Beinfreiheit vor dem Sessel entspricht nicht heutigen Standards. Hat die Dame vor mir im Rang ihre Kopf gestreckt, berührte sie immer mal wieder mein Knie.
Das Publikum der Veranstaltung trägt endlich mal mehr der Bevölkerungszusammensetzung in Detroit Rechnung – wenn auch nicht rechnerisch. Ich würden tippen, dass etwa 60% der Konzertbesucher Schwarze waren. Interessant fand ich, dass die Schwarzen häufig als erkennbare Pärchen oder Ehepaare die Veranstaltung besuchten. Weiße sind man mitunter mehr in Freundeskreise oder homogenen Grüppchen von Frauen oder Männern. Viele dieser Herren mussten sich mit Stock oder anderen Gehhilfen abmühen, um auf die oberen Ränge zu gelangen. Nichtwenige dieser älteren schwarzen Herren zeigten Stil – ganz im Gegensatz zu den weißen Konzertbesucher -  und trugen Anzug, Krawatte oder Fliege und Hut. Auch die älteren schwarzen Damen präsentierten gerne mit Pailletten besetzte Oberteile oder andere Kleidungsstücke, mindestens aber eine Handtasche, die auch aus weiter Entfernung glitzern leuchtet. An Goldschmuck an Fingern, Handgelenken und Hals wurde hier auch nicht gespart.
Um dem komplexen Arrangement des Albums gerecht zu werden, hat Steve Wonder eine entsprechende Entourage mitgebracht. So könnte man sagen, dass die „Band“ aus 42 Musikern bestand, wovon von alleine zehn Streicher, sechs Bläser und ein Chor von zehn weiteren Sängern zu gegen war.
Gegen 20:30 wurde Steve auf die Bühne geführt und hielt als erstes ,eine mehrere Minuten dauernde politische Ansprache, die immer wieder mit tobendem Applaus quittiert wurde. Die Anschläge von Paris haben ihm das Herz brechen lassen, in den USA brauchen wir viel strenger Regelungen über den Besitz von Schusswaffen, und als einprägsames Zitat: Nothing that has to do with killing anyone will get you into heaven.
Der Vortrag der Songs folgte nicht der reinen Lehre. Zwischen den Songs gab es viel Kommunikation zwischen Stevie und dem Publikum aus seinem Hometown. Für manche Stücke bzw. Solos wurden lokale Gastmusiker aus Detroit auf die Bühne gerufen. Bei der Vorstellung der Backgroundsängerinnen - alles attraktive junge Damen in eng anliegenden, kurzen Kleidern - durfte jede eine Strophe eines Liedes ihrer Wahl vortragen, um die Gesangsqualität auch individuell unter Beweis zu stelle, so wie auch die anderen Musiker jeweils Solo-Parts, teilweise mit Ankündigung, erhielten, um in Erscheinung zu treten. Beim Mundharmonika-Solo des Detroiter Gastmusikers kamen Stevie die Tränen, sowie auch beim Applaus nach dem Stück „Joy inside my tears“. In „Easy going evening“ wurde das Star Spanngled Banner Thema reingeflochten. Für ein anderes berühmtes Kind aus Detroit, Aretha Franklin, hat er auf dem Klavier „Respect“ angespielt und komplett das Publikum singen lassen. Als Zugabe hat er Musikraten mit dem Publikum gespielt: Er hat bekannte Stücke anderer Künstler angespielt, die das Publikum gesungen hat, mit der Frage: Whats my name?
Abschließend gab es dann noch eine ausgiebige Jam-Session zu Superstition. Um 00:30 verschwand er von der Bühne mit den Worten: I love you. I hope you can feel my love tonight und das Licht ging wieder an. Das war großes Entertainment mit ergreifender Musik. 
Abschließend ein kleiner audiovisueller Eindruck von Sir Duke:

Donnerstag, 19. November 2015

Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen



Dieser tradierte Spruch sagt mir, dass Nahrungsaufnahme  nicht nur Voraussetzung ist für ein biologisches Leben, sondern daneben auch das Geistige des Menschen bedient und beides im Gleichgewicht halten soll. Die jeweilige Qualität der Lebensmittel, Essgewohnheiten oder Nahrungsaufnahme kann dann auch, in kollektiven Mustern gedacht, eine Stellschraube für die homogene Entwicklung von Geist und Kultur darstellen. Neben diesem Gedankengang hat in meinem Leben die Qualität von Lebensmitteln (wie der Begriff schon selbst sagt) grundsätzlich einen hohen Stellenwert. Ich denke es ist Zeit meine bisherigen Erfahrungen und Einsichten, was Essen und Trinken betrifft hier einmal zu dokumentieren.
Grundsätzlich ist Essen in Restaurants sehr verbreitet, was die Häufigkeit und auch die Spannweite gesellschaftlicher Schichten betrifft. Der Begriff des Restaurants ist allerdings besser mit den amerikanischen Bezeichnungen der Diners, Drive Ins und Dives zu kategorisieren. Ausgeschlossen habe ich davon jetzt Restaurants, in denen mehrgängige Menüs mit einzelnen Gängen à la carte bestellt werden können. Die es hier zwar gibt, ich aber noch nicht besucht habe. Wir enden also hier in der Mittelklasse. Was nicht heißen soll, dass man in Diners, Drive Ins und Dives zwangsläufig nicht gut Essen kann. Gleichwohl hier deutlich fetthaltig gekocht wird, bzw. mit Fritteuse gearbeitet wird. Findet man allerdings unabhängige Läden, die also nicht zu großen Ketten gehören, kann man mitunter für knappe 15$ eine ordentliche Portion essen, dazu so viel trinken (alkoholfrei), wie man möchte und hat auch schon 20% Trinkgeld bezahlt.
Ich empfinde das Ritual angenehm, dass in jeder Lokalität erstmal ein großes Glas Wasser mit Eis – kostenfrei - auf den Tisch gestellt wird, bevor auch nur die Bestellung aufgegeben wird. In den ersten Tagen nach meiner Ankunft habe ich das Trinkwasser aus dem Wasserhahn noch als ungenießbar bezeichnet, aufgrund des für mich ungewohnten Chlogehaltes, so ertappe mich mit der Zeit zunehmend dabei, das Wasser auch zu trinken. An den Chlorgeschmack scheine ich mich gewöhnt zu haben. Vielleicht bewahrt mich das auch bis zu einem gewissen Grad vor bakteriellen Infektionen. Bestellt man ein alkoholfreies Getränk und ist es zur Hälfte getrunken, erhält man in der Regel von aufmerksamen Bediensteten unaufgeforderte Refills, also regelmäßiges Nachfüllen des Glases bis man das Lokal verlässt.
Insgesamt wird hier weniger Gemüse und deutlich mehr Fleisch, vor allem viel Hühnchen zu sich genommen, davon habe ich persönlich hier allerdings rigoros Abstand genommen. Auch ist der Anteil von Fleisch an einem Gericht hier erheblich höher als in Deutschland. Auf die Spitze getrieben wird das dann in Restaurants, die sich aufs Grillen spezialisiert haben, wie z.B. Slows Bar-B-Q in Detroit. Von Kollegen habe ich gehört, dass man als Deutscher da mal rein sollte. Ich war alleine dort und habe einen Burger mit Pulled Pork gegessen. Von der Qualität war das in Ordnung, der Preis mit einem Glas Bier lag aber über 20$ und damit zu teuer für das Gebotene. Ich stellte jedoch die Ausnahme dar mit meinem Burger. Die Platznachbarn neben mir hatten entweder Rippchen oder Pulled Pork bestellt, und das heißt, man erhält einen weißen Teller mit einer Portion Pulled Pork auf dem Teller, die mengenmäßig einem horizontal halbierten Fußball gleicht, und sonst nichts dazu, oder halt zwei riesige schwarze Rippenbögen und sonst nichts dazu. Soßen, die man selbst auswählen kann, vor allem für die Rippchen, werden vom Kellner in Plastikflaschen auf den Tisch gestellt. Mein Platznachbar hat sich allerdings noch eine Beilage zu seinem Haufen Pulled Pork bestellt. Er erhielt ergänzend noch einen kleinen Teller mit einer Wurst, die man in  Deutschland als Krakauer bezeichnen würde.
Essen ist hier ein eher unmittelbarer Akt, auf eine Verlängerung des Leibes mit Besteck wird soweit wie möglich verzichtet. Rippchen werden natürlich wie Burger – auch die Burger für 10 oder mehr $ im Restaurant – mit den Fingern gegessen. Ich kann mich noch gut dran erinnern, als ich am ersten Abend meiner Anreise nach vielen Stunden Wachzustand vom Flug abends vom Präsidenten unserer kleiner Tochterfirma zum Essen eingeladen wurde und wir beide Burger bestellten. Neugierig habe ich abgewartet, wie jemand in gehobener Stellung das Ding jetzt ist. Die feine amerikanische Art, wie ich es auch zu anderen Zeitpunkten in den kommenden Wochen beobachten konnte, geht folgendermaßen: Man nimmt das Messer und teilt den Burger in der Mitte hälftig. Nach diesem einmaligen grob-chirurgischen Eingriff auf dem Teller, wird das Messer zur Seite gelegt und nicht mehr benötigt. Die Burgerhälften werden dann mit der Hand gegessen. Pommes Frites ißt man sowieso auch vom Porzellanteller mit der Hand. Pizza ißt man in Pizzerien übrigens auch komplett besteckfrei. Auf Hinweis eines Arbeitskollegen und der Rezension des berühmten Guy Fieri habe ich Supino’s Pizza in Detroit besucht und wurde nicht enttäuscht. Wirklich eine schöne Qualität mit dünnem Boden, knuspirg und geschmackvollem Belag. Nicht wie die typischen deep-dish Pizzen, die über eine Stunde in den Ofen müssen und typisch für Chicago sind. Hier übrigens die 3-minutige Rezension von Guy. Man sieht am Ende, wie die Gäste die Pizza bestecklos von der aus Aluminium bestehenden Tortenplatte essen. Auch einem einzelnen Gast wird die Pizza übrigens so serviert. (http://www.foodnetwork.com/restaurants/mi/detroit/supino-pizzeria-restaurant/supino-pizzeria-videos.html) (Die typische drei Minuten Guy Fieri Rezension ist in zwei Videos aufgeteilt, damit man auch keine Werbung verpasst!)
Bemerkenswert finde ich, dass Kartoffelchips in kleinen eingeschweißten Tüten so wie sie auch käuflich im Supermarkt zu erwerben sind,  als Essensbeilage mittags oder abends, z.B. zu einem Sandwich serviert und von den Kunden gerne in Anspruch genommen werden.
Im Verhältnis zu den Lebensmittelpreisen, lässt es sich insgesamt in den einfachen Restaurants günstig satt werden und mit ein wenig Kenntnis der örtlichen  Restaurantszene auch gar nicht mal so schlecht.
Obwohl eigentlich anders erwartet  vor der Anreise sind im Verhältnis zu Deutschlandland die Lebensmittelpreise hoch und die Qualität begrenzt. Ich habe in den letzten Tage zum dritten und wohl vorläufig letzten Mal Mandarinen gekauft. Gerade beim letzten Mal habe ich die Teuersten für 8$ das Kilo gekauft und nach dem Schälen hat man schon fast Trockenfrüchte in der Hand. Interessant finde ich, dass es in der Gemüseabteilung in Supermärkten etwa armlange Aloe Vera Blätter aus Mexiko zu kaufen gibt. Hier muss ich mich unbedingt mal erkunden, wozu die in der Küche verwendet werden. Viel Obst und Gemüse gibt es schon geschnitten und geschält im Kühlregal. Vermutlich sind das Tätigkeiten, auf die man hier gerne verzichtet. Bisher habe ich nur einmal geschälte kleine Möhren gekauft, die allerdings so muffig geschmeckt haben, dass ich den Rest sofort entsorgt habe. Milch im frischen Zustand, idealerweise nicht homogenisiert und nicht pasteurisiert ist mir noch nicht gelungen zu erwerben. Jeglicher Milch ist hier auch Vitamin D zugesetzt – wozu auch immer. Dem Trinkwasser wird neben Chlor übrigens auch Flourid zugesetzt. Äpfel, die ich sehr gerne esse, gibt es in großer Vielfalt, was nicht ungewöhnlich ist zu dieser Jahreszeit. Was mich etwas beunruhigt ist, dass je Sorte – auch bei Bioprodukten – jeder Apfel dem anderen eins zu eins gleicht und makellos ist. In Deutschland kaufe ich bewusst Äpfel, die an der Schale auch mal vereinzelte rauhe Stellen oder etwas Schorf oder wie man das auch immer bezeichnet, aufweisen. Neben der Tatsache, dass ich solche Äpfel als natürliche Lebensmittel verstehe, weisen diese schorfigen Stelle letztlich auch die Vitamin C Konzentrationen auf.
Gehobene Supermärkte backen auch viel selber, wie z.B. Kekse. Vom Ansatz her finde ich das toll, täglich frisch gebackene Kekse kaufen zu können, allerdings sind hier alle Kekse weich und von der Konsistenz so, als wenn man in Deutschland die geöffnet Packung drei Tage in der Sonne liegen lässt. Naja, zumindest krümeln die Kekse hier nicht.
Zum Thema Bier habe ich mich schon einmal geäußert und kann das Geschriebene nur unterstreichen. Freue ich mich in Deutschland in Restaurants oder Kneipen auf ein frisch gezapftes Bier, werde ich das hier tunlichst vermeiden, gezapftes Bier zu bestellen. Denn in der Regel sind die Konzern-/Industriebiere wie Budweiser oder Miller am Zapfhahn. Sogenanntes Craft-beer sind eher in Flaschen erhältlich. Ich trinke gerade jetzt im Moment eine Flasche Bellaire Brown Ale von Short’s Brew. Joe Short kommt aus dem Norden von Michigan, wo die Bevölkerungsdichte sehr gering ist und die Winter richtig kalt sind, hat die Schule früh beendet und bei Brauereien gejobbt, bevor er sich mit Anfang Zwanzig selbständig gemacht hat. Mittlerweile ist Joe Short 13 Jahre im Geschäft und bringt pro Jahr teilweise 100 verschiedene Sorten Bier in kleiner Auflage auf den Markt. Seine Biographie entspricht einem amerikanischen Ideal des Entrepreneurs, der von Null anfängt, hart arbeitet aber auch Spaß an der Arbeit hat und cool drauf ist. Viele seiner Mitarbeiter, die überwiegend ähnlich alt sind wie Joe tragen auch alle Bart, aber das liegt vermutlich an der Region im Norden Michigans. Zum 10-jährigen Bestehen wurde ein schönes, 9-minutiges Video über ihn und seine Firma gedreht, das man sich hier anschauen kann. https://youtu.be/TXV7BQAiv8c Solchen Leuten kaufe ich doch lieber Bier ab, als den großen Industriebrauereien.
Nochmal was ganz anderes: Es hat mich schon betroffen gemacht, dass ich letzte Woche Freitag und Samstag während der längeren Autofahren aus den Radiosendern, die ich bisher gehört habe keine Infos über die Situation in Frankreich erfahren habe. In den Sendern läuft nur Musik oder Werbung. Jetzt habe ich nach systematischer Suche auch NPR gefunden, National Public Radio. Hier laufen ausschließlich gesprochene Sendungen und die wenige Werbung wird vom Sprecher verlesen. Das ist eine sehr informative und besonnene Abwechslung. Die Terroranschläge in Frankreich haben hier übrigens auch eine breite politische Debatte ausgelöst, ob man zukünftig überhaupt noch Flüchtlinge aus Syrien in den USA aufnehmen soll oder gar allen Flüchtlingen aus dem mittleren Osten überhaupt die Einreise verweigern soll zum Schutz der Bevölkerung. Jepp Bush hat den Vorschlag verbreitet, nur noch dem Christentum angehörige Syrer aufzunehmen, Trump will das Problem komplett in Syrien lösen. Globale humanitäre Unterstützungsleistungen rücken schnell in den Hintergrund, wenn man vermeintlich die eigene Bevölkerung schützen möchte. Dass die USA aufgrund ihrer geographischen Lage eine ganz andere Zugangskontrolle für Flüchtlinge per Hafen oder Flughafen hat als Deutschland oder Europa, vermisse ich noch in der gegenwärtigen Diskussion.

Sonntag, 15. November 2015

Pray for Paris



Seit etwa fünf Wochen war ich im Besitz der Eintrittskarte für ein Konzert der Dead & Company Tournee in Columbus, Ohio. Was für ein Zufall, dass 20 Jahre nach dem Tod von Jerry Garcia sich Bill Kreutzmann, Mickey Hart und Bob Weir entschlossen haben als Dead and Company erneut auf Tournee zu gehen, und ich just zu diesem Zeitpunkt in den USA sein werde, ganz in der Nähe von einem der Spielorte.
Die Stadt Columbus in Ohio ist 203 Meilen von Detroit entfernt. Mein Navi hat dafür 3 ½ Stunden Fahrzeit prognostiziert. Um vorher ganz entspannt im gebuchten Motel einzuchecken und noch eine Kleinigkeit zu Abend zu essen, bin ich Freitag ausnahmsweise gegen 13:00 aus dem Büro raus, ab ins Auto und los. Fahren auf US-Überlandstraßen ist eigentlich recht entspannt. Außerhalb größerer Städte fahre ich fast ausschließlich mit dem Lenkrad, also der Tempomat-Steuerung am Lenkrad. Man muss sich als Deutscher kurz dran gewöhnen, auf allen Spuren überholt zu werden. Auf High- und Freeways – wobei mir bis heute der Unterschied noch nicht ganz klar ist – liegt die Maximalgeschwindigkeit in den Staaten Ohio, Illinois und Michigan bei 70 Meilen pro Stunde, was 112,6 km/h entspricht. In Deutschland kommt mir das gähnend langsam vor, hier ist es wirklich angenehm zu fahren und auch angemessen. Denn der Zustand vieler Straßen würde es gar nicht zulassen 180 km/h oder schneller zu fahren. Ich bin froh, mit einem SUV motorisiert zu sein, der über ausreichend Federwege verfügt. Fast alle Fahrer überschreiten die Höchstgeschwindigkeit um 5 bis 10 Meilen, auch die LKW, viele fahren so wie ich, mit Tempomat. Ärgerlich wird es allerdings wenn Baustellen nahen, so wie auf der I-75 nahe Toledo. Über mehrere Meilen wurde die Straße vermittels Pylonen von drei auf zwei auf eine Spur verjüngt, ohne irgendeine Aktivität von Bauarbeitern und ohne auch nur ersichtliche Vorbereitungen einer Baustelle. Dieser verkehrslogistische Schwachsinn hat mich zusätzlich über eine  Stunde Stopp and Go Fahren gekostet. Die Einfahrt nach Columbus am Freitag spätnachmittag war natürlich auch auf allen Straßen verstopft. Für die 203 Meilen habe ich schlussendlich insgesamt 5 ½ Stunden Fahrzeit gebraucht. 
Dann die Ankunft im Motel. Nach der Internet-Buchung war mir gar nicht bewusst, dass ich ein Motel und nicht im Hotel ein Zimmer reserviert habe. Glück gehabt: denn den Charme der einfachen, klassischen Motels, die man aus Filmen kennt, habe ich bisher noch vermisst. Durch eine Einfahrt gelangt man auf einen Innenhof, der ausschließlich zum Parken dient. Auf zwei Stockwerken ist der Innenhof umgeben von Zimmern, deren Türen direkt ins Freie führen.
Nach der Autofahrt war ich froh, die zwei Meilen zur Nationwide Arena laufen zu können. Denn, wie ich mittlerweile gelernt habe, finden Konzerte in den USA bestuhlt im Sitzen statt – in der Regel. Je näher ich der Arena kam, desto mehr Menschen strömten aus den Parkhäusern im näheren Umkreis Richtung Arena. 19:30 Uhr sollte das Konzert beginnen, ich kam um 19:10 Uhr an der Arena an. Allerdings nicht nur ich, vor den Eingangstüren standen geschätzte 5.000 weitere Gäste in einer Menschentraube mit locker 50 bis 75 Metern Durchmesser. Es hat über eine halbe Stunde Wartezeit gedauert, bis ich durch einen der Metalldetektoren unmittelbar hinter den Türen gehen durfte. Als ich mich dann nochmal umdrehte, war die Menschentraube hinter mir nicht wesentlich kleiner. Diesmal wurde ich nicht aufgefordert Schlüssel, Geldbeutel und Telefon auf eine kleine Anrichte neben dem Metalldetektoren zu legen. Die Security hat lediglich in mitgebrachte Taschen geschaut. Ich nehme an, die Detektoren waren ausgeschaltet oder auch nur Attrappen, 18.500 Menschen so seriös zu untersuchen, würde bei ausverkauften Haus fiel zu lange dauern.
Dann die Überraschung: während ich gegen 07:45 Uhr endlich in der Vorhalle der Arena war und viele Menschen noch Draußen in den Warteschlangen, strömte Musik von der Bühne aus in den Vorraum. Eine Vorband? Nein, Dead and Company haben relativ pünktlich angefangen, der erste Song wurde gespielt. Also schnell orientiert, wo mein Sitzplatz ist und  rein in den Veranstaltungsraum, der trotz striktem Rauchverbot recht vernebelt war. Hier saß auch keiner auf einem Stuhl. In allen Rängen standen bzw. wippten oder tanzten die Menschen vor den hochgeklappten Sitzflächen der Bestuhlung. Nachdem mir mein Block vom freundlichen Aufsichtspersonal durch Handzeichen gewiesen wurde, musste ich nur noch meine Stuhlreihe finden und die tanzenden drei Platznachbarn, links von meinem Sitzplatz, kurz um Einhalt und leichte Rückenlage bitten, um an meinen Sitzplatz zu kommen, der nur als Ablage für die Jacke diente. Nachdem ich dort angekommen war, begrüßte mich mein – ich würde sagen etwa gleichaltriger –  Platznachbar zur Linken mit Handschlag und seiner linken Hand an meinem rechten Oberarm. Rechts von mir waren noch zwei Plätze frei. Etwa 15 Minuten später kam dann auch von rechts ein Pärchen, dass ich etwa 15 bis 20 Jahre älter schätze als ich es bin. Der Mann zur Rechten begrüßte bei seiner Ankunft mich und  auch noch den Platznachbar links von mir mit mehrfach geschütteltem Handschlag. Er war rein äußerlich ein eher unauffälliger Zeitgenosse, der allerdings jeden Song und jede Strophe mitsingen konnte.
Im Vorhinein zur Tournee gab es geteilte Meinungen, ob der junge John Mayer die richtige Besetzung für den Part sei, den früher Jerry Garcia einnahm, womit er viele der Soli zu übernehmen hat. In einem Interview kurz vor der Tournee äußerte John Mayer, dass er sich seit Jahresbeginn auf die ab 31.10. beginnende Tournee spieltechnisch vorbereitet. Dabei koste es ihn große Konzentration so locker und manchmal unscharf zu klingen, wie es die Musik erfordert. Und in der Tat, während der 68-jährige Bob Weir beim Gitarrenspiel locker swingt, ist John Mayer phasenweise deutlich konzentrierter. Schloss man die Augen, war es allerdings extrem stimmig, harmonisch und pointiert gespielt. Ich war erstaunt von der Alterszusammensetzung des Publikums. Erwartet hatte ich viele Zuhörer, die altermäßig als meine Eltern durchgehen könnten. Aber neben dieser Gruppe, Zeitgenossen der Musiker, die natürlich vertreten war, waren eigentlich auch alle Altersgruppen vor Ort. Interessant für mich, dass sich auch nochso Jugendliche und in den 20er Jahren Steckende mit der Musik identifizieren können. Diese Musik kann dem Zuhörer fast schon spirituelle Momente vermitteln. So sieht man mitunter vollbärtige ältere Herren, vom Typus Erdkunde-Lehrer kurz vor der Pensionierung, die man ansonsten als eher emotionslosere Zuhörer einordnen würde, die die ganze Zeit mit ausladenden Armbewegungen tanzen, Pirouetten drehen und zu jedem Zeitpunkt absolut textsicher sind. Die Musik live in einer solchen Atmosphäre zu hören, hat nochmal eine ganz andere Kraft als die reine Medienwiedergabe.
Mein etwas älterer Platznachbar zu Rechten war teilweise emotional von der Musik so berührt, dass ihm nach manchen Solo-Parts oder rhytmischen Übergängen nichts anderes übrig blieb, als tremolierendes Indianerschrei von sich zu geben. Drei oder viermal hat er mich auch mit seinem linken Arm umarmt und vermutlich etwas Begeistertes über die Musik ins Ohr gerufen. Nehme ich zumindest an, denn ehrlich gesagt, habe ich – auch wenn ich es wirklich versucht habe – kein Wort von ihm verstanden. Als Reaktion habe ich mit dem ausgestreckten Daumen gewippt, was er dann noch mit einem Klapps auf die Schulter quittiert hat.
Insgesamt hat sich der Aufwand für dieses Konzert auf jeden Fall gelohnt. Knapp 4 Stunden super Musik in toller Atmosphäre.  Ein Ereignis mit bleibender Erinnerung.
Was ich während des Konzerts (am 13.11.2015) nicht verstanden habe, war ein Symbol das immer mal wieder auf die große Leinwand hinter der Bühne projiziert wurde. Es handelte sich ein Peace-Zeichen, wobei das Kreisinnere aus einem Eifelturm bestand, wie mit grober Wachsmalkreide schnell skizziert, mit der Überschrift  Pray for Paris. Als ich nach dem Konzert gegen 01:00 Nachts in mein Motelzimmer kam und nochmal durch die Fernsehsender gescrollt bin, habe ich dann von CNN erfahren, wem Dead and Company das Konzert in Columbus gewidmet haben. Mir wurde auch dann klar, dass Touch of grey als Zugabe ausgewählt wurde, da die letzten Zeilen des Stück folgendermaßen lauten "We will survive, we will survive".
Gleichzeitig ist mir bewusst geworden, dass im Radio in der Regel keine Nahrichten gesendet werden. Auf der Hinfahrt habe ich durchgehend 5 ½ Stunden Radio gehört. In Michigan wechsle ich immer mal wieder zwischen drei programmierten Sendern und in Ohio habe ich mehrere Neue gesucht, gefunden und gehört. Aber es kamen keine Nachrichten oder Infos über die Ereignisse von Paris am 13.11.2015 im Radio. 
Zum Abschluss noch die Set-List für die Dead-Heads unter den Lesern, wobei insbesondere das zweite Set mich äußerst begeistert hat, und ein kleiner atmosphärischer Eindruck von I know You Rider.
 

Set I
Mississippi Half-Step Uptown Toodeloo
Brown Eyed Women
Tennessee Jed
Little Red Rooster
Bird Song
Standing On The Moon
Cumberland Blues

Set II
Playin’ In The Band
China Cat
I Know You Rider
Eyes Of The World
Space
Drums
The Wheel
Black Peter
Playin’ In The Band (reprise)
Good Lovin’
E:Touch of Grey 

Donnerstag, 12. November 2015

land of free home of the brave



Dieses Satzfragment ist aus der Nationalhymne der USA zitiert. Für mich ist es eine Beschreibung einer gewissen Geisteshaltung, die in unterschiedlichen Diskussionen, z.B. über Politik oder auch im Verhalten oder in Ritualen hierzulande immer Mal wieder zu entdecken ist. Dieser Stolz auf Freiheit, gerne auch mal angeführt im Gegensatz zur assoziierten Situation in Russland, erlebe ich als breiten Mainstream; und trotzdem entdeckt man dann doch manchmal wieder Situationen, die fast schon eine Parodie dazu sind.
Im Veranstaltungskalender letzten Sonntag in Detroit war morgens um 10:00 Uhr eine Vietnam Vetrerans Parade angekündigt. Kundgebung am Hart Plaza und die Parade dann entlang der Jefferson Avenue. Sonntags morgens hatte ich dann dieses Event schon wieder vergessen, als ich den Entschluss fasst, bei dem herrlichen Sonnenschein im November doch noch Laufen zu gehen. Der Hart Plaza im Financial District von Detroit liegt mitten auf meiner Strecke. Gegenüber dem Hart Plaza, also auf der anderen Seite der Jefferson Ave. beginnt die Woodward Ave. In der noblen Adresse, Woordward One, residiert die schon seit über 150 Jahren existierende Fifth Third Bank. Aus knapp 200 Metern Entfernung des Hart Plazas wurde ich durch eine gewisse Unruhe in der sonst absoluten Sonntag-Morgen-Stille im Finanzdistrict an die Ankündigung der Parade erinnert. Je weiter ich mich der unmittelbar bevorstehenden Veranstaltung näherte, nahm ich mehr und mehr eine Musik wahr, die so gar nicht zur Geisteshaltung der Vietnam Veterans Parade passte. Als ich dann kurz vor der Woodward One war, konnte ich die Außenlautsprecher der Bank sehen, quasi auf der gegenüberliegenden Straßenseite, auf der der Paradeaufbau in den letzten Zügen war. Aus den Lautsprechern (der traditionellen Fifth Third Bank) tönte die Stimme Jerry Garcia und den Grateful Dead und die spielten gerade Sugaree. Grateful Dead aus den Lautsprechern der Dirigenten der Finanzmärkte zu hören, ist schon paradox; den Aufbau der Veterans Parade damait zu begleiten schon fast wieder eine Persiflage. Ob diese Situation dem Zufall geschuldet war oder sich ein nicht sichtbarer DJ lächelnd die Hände reibt, muss an dieser Stelle unbeantwortet bleiben.
Auf dem Rückweg meiner Strecke war dann die Parade im vollen Gange. Erwartet hatte ich, dass Menschenmengen die Jefferson Ave. im Stillen Gedenken runter marschieren und damit die Bevölkerung an die Verteidigung der Freiheitswerte in Vietnam erinnern. Das war nicht der Fall. Marschmusik von einer Militärkapelle wurde nur am Hart Plaza gespielt. Auf der Jefferson Ave. fand über mehrere Kilometer im Schritttempo ein endlos langer Autokorso statt. Die Fahrzeuge waren mit Fahnen, an Spiegeln oder Fenstern befestig, geschmückt und hupten die ganze Zeit. Viele Vietnam Veteranen waren auch an einem gemeinsamen Hobby zu erkennen. Motorradfahren bzw. in speziellen Motorrad Clubs von und für Veteranen organisiert. Interessant für mich waren, neben der Vielzahl älterer, übergewichtiger  Herren mit über viele Jahre kultivierten Bärten, gekleidet in Lederjacken über die ärmellose Jeansjacken nicht mehr zu schließen waren und teilweise vollständig mit vergilbten Aufnähern, versehen waren, die  Motorräder. In Reih und Glied standen hunderte von Harley Davidson, alle mit dieser für mich merkwürdigen metallic-farbenen Vollverkleidung. Alle Maschinen waren ausgestattet mit diesen, in Form einer Raute, stromlinienförmigen Koffern, ebenfalls in derselben Metalliclackierung ausgeführt wie der Rest der Verkleidung. Die Modell-Typologie dieser Motorräder hat mich nie sonderlich interessiert, jetzt weiß ich allerdings, für wen diese Serien aus der Firma in Milwaukee am Lake Michigan produziert werden.
Gestern, am 11.11.2015, war USA-weit Veterans Day. Bis dahin nahm ich an, dass dieser Tag zu Ehren der Überlebenden aus dem Vietnamkrieg zelebriert wird. Aber nein, weit gefehlt, es werden alle, die an Kriegseinsätzen teilgenommen haben oder sich auch (nur) durch Teilnahme am Militärdienst dem möglichen Kriegseinsatz zur Verfügung gestellt haben, geehrt.  So bekamen gestern auch in unserem Unternehmen alle diejenigen, die sich dem Militärdienst in ihrer Biografie zur Verfügung gestellt haben, ein Dankesschreiben aus der Personalabteilung.
Ich glaube bisher saßen dreimal  in meiner unmittelbaren Nähe in Restaurants durch Uniform erkennbare Militärangehörige. Bei jedem Mal kam mindestens ein älterer Herr auf die jungen Soldaten zu, erkundigte sich, wo sie stationiert sind, schüttelte ernsthaft die Hände, sprach jedem einen Dank aus und wünschte alles Gute. Eine Berufsgruppe hier, die hohe gesellschaftliche Anerkennung erfährt.
Für den  Abend des Veterans Day hatte ich mir eigentlich schon Tage vorher eine kulturelle Veranstaltung im Eventkalender von Detroit markiert. Im Museum of Contemporary Art sollte ein Dokumentarfilm gezeigt werden mit dem Titel: Industrial music of the urban decy. Am Tag vor dem Vetrerans Day sprach mich allerdings ein Arbeitskollege an, ob ich ihn nicht Morgen am frühen Abend zu einem Sport begleiten möchte, der mir bisher noch außerst fremd war – hier allerdings recht populär ist. Ich sagte natürlich zu.
Ehrlich gesagt hatte ich keine Vorstellung, wie in den USA eine „Gun Ranch“ von Innen aussieht. Die Industriehalle besteht aus dem Schießbereich und einem großzügigen Vorraum. Man füllt ein einseitiges Formular aus, mit persönlichen Angaben ,z.B. wer zu informieren ist im Case of Emergency; mit Kürzeln muss man bestätigen, dass man die Regeln zur Kenntnis genommen hat, z.B. dürfen Kinder nur in Aufsicht der Eltern oder anderer volljähriger Aufsichtspersonen schießen. Neben den mitgebrachten Waffen, gibt es auch allerhand Schusswaffen, unterschiedlicher Intensität, gegen Gebühr zu leihen. Zum Abschluss der kurzen Anmeldeprozedur muss man sich dann noch für eins von sieben Postern entscheiden, die als Zielscheibe fungieren. Ich war sehr beruhigt zu sehen, dass dem Gender-Aspekt hier Rechnung getragen wird und bei den Darstellungen auf den Zielscheiben Diskriminierung der Geschlechter aktiv vermieden wird. Anbei ein kleiner spontaner fotographischer Eindruck des Anmelde-Tresens.


 
Im Hauptraum, in dem auch einige Zeitgenossen vollautomatische Gewehre mit ohrenbetäubendem Lärm bedienten, konnte man sich kaum verständigen, da man sowieso Gehörschutz tragen muss. Ich bin mir nicht sicher, ob es Schall- oder Druckwellen waren (oder ist das in diesem Fall eigentlich das Gleiche?), die noch aus knapp 20 Meter Entfernung vom Schützen, der mit beiden Fäusten sein automatisches Gewehr gehalten und abgefeuert hatte, den gesamten Körper der Anwesenden zum Zittern brachte.
Nach dem der Arbeitskollege etwas an seiner Tasche rumgenestelt hatte, winkte er mich mit dem Zeigefinger heran, deutete auf die am Abschusstresen vor ihm geladene 8mm Beretta und zeigte auf mich. Ohne jegliche weitere Instruktion nahm ich die Waffe in beide Hände, so wie man es aus Filmen kennt. Es war schon ein merkwürdiges Gefühl, das erste Mal im Leben eine schussbereite Waffe in der Hand zu halten - ohne weitere Instruktion - und ganz kurz darüber nachzudenken, zu welchem Zweck dieses metallene Instrument mit ausgefeilter Ingenieurskunst eigentlich entwickelt wurde und jetzt Einsatzbereit ist. Ich war nach dem ersten Schuss doch überrascht, wie intensiv sich der Rückschlag anfühlt und dass die leere Patronenhülse nach dem Abschuss mitunter auf den eigenen Kopf fliegt. In der Zeit, in der ich das Magazin leer geschossen habe, hat der Kollege seinen Smith & Wesson Revolver mit 0.357 Großkaliber Patronen beladen und mir in die Hand gedrückt. Durch den Gehörschutz konnte man sich kaum verständigen, ich interpretierte seinen Satz als be careful, it’s stronger. Und in der Tat, das hätte ich nicht erwartet. Rückschlag und vor allem auch Lautstärke und Druckwellen beim ersten Schuss haben dazu geführt, dass ich intuitiv, unmittelbar vor jedem weiteren Abzug die Augen kurz zukneifen musste. Beim letzten der sechs Schüsse habe ich bewusst versucht, die Augen aufzuhalten, mein neu konditionierter Reflex hat das allerdings nicht zugelassen. Nach dieser Erfahrung darf man sehr große und berechtigte Zweifel anmelden, an dem, was die Revolverhelden in dem ein oder anderen Western an Schießkunst zu bieten haben. Die 0.22 Sig Sauer, die weltweit gerne bei Polizei und Militär zum Einsatz kommt, hat sich danach wie eine Karnevalspistole aus Kindertagen angefühlt.
Durch Beobachtung der anderen Grüppchen, ausschließlich Männer zu dem Zeitpunkt meiner Anwesenheit, konnte man erkennen, das über non-verbale Kommunikation zu einem nicht ganz unwichtigen Thema, bedenkt man, dass  im Jahr 2014 in den USA auf 100 Einwohner 112,6 Schusswaffen in Zivilbesitz kommen, doch scheinbar große Verständigung und Gemeinsinn möglich ist.